Mein Vater und die unerwünschte Krankheit

Ich habe keine Erinnerung mehr daran, wie es begann, dass mein Vater vergesslich wurde. Vielleicht, weil es ein schleichender Prozess war. Vielleicht, weil alles andere um mich herum so viel wichtiger erschien und ich mein eigenes Leben irgendwie in den Griff bekommen musste. Vielleicht auch, weil ich es nicht wahr haben wollte, dass mein Vater nicht mehr die (geistige) Kraft von einst besaß.

Mein Vater, immer ein ruhiger und gemütlicher Zeitgenosse, war Mitte 60 und schon einige Jahre im Vorruhestand. Ein Mann, der eine eigene Meinung hatte, diese aber nicht um jeden Preis in die Welt hinaus posaunte. Er war kein „Intellektueller“, mehr ein Gefühlsmensch. Ich kannte ihn als sanftmütig, kraftvoll und orientiert – und immer im Hintergrund meiner präsenten, starken Mutter.

Als meine Mutter mir sagte, dass bei meinem Vater „Alzheimer“ diagnostiziert wurde, dachte ich nur „Was für ein Unsinn.“ Aber so richtig wusste ich nicht, was das bedeutet, weil ich mir darüber nie Gedanken gemacht habe. Okay, irgendwann habe ich bemerkt, dass meine Mutter stets mit dem Auto fährt. Ich dachte, mein Vater habe nur keine Lust mehr zu fahren (er war nie ein leidenschaftlicher Autofahrer). Mir ist auch aufgefallen, dass er vergaß, wie meine damalige Partnerin hieß (was aber nicht wirklich schwierig war, da mein Lebenswandel in diesem Punkt sehr fragwürdig war). Aber darüber hinaus kam mir alles irgendwie „normal“ vor. Er wusste meinen Namen und den meiner Mutter, konnte sich an viele Dinge aus der Vergangenheit erinnern. Er schien eigentlich wie immer zu sein, vielleicht nur ein bisschen tüddelig – und im Ton bissiger. Manches Mal machte zwischendurch Dinge oder Anmerkungen, die einen denken ließen „Mensch, der verarscht uns alle“.

Irgendwann war aber klar, dass er wirklich Probleme in alltäglichen Dingen hatte. Er verließ das Haus nicht mehr – meine Mutter hat ihn zum Spaziergang „gezwungen“, was er auch immer mitgemacht hat. Allerdings wurden die Strecken immer kürzer. Später habe ich ihn einmal mit in meine Wohnung genommen – ohne zu wissen, dass dieser Ausflug für ihn purer Stress war. Meine Mutter musste die Sicherungen in der Küche ausschalten, da mein Vater bereits mehrmals vergaß, den Herd auszumachen oder einfach nichts auf die Flamme stellte. Selbst Erinnerungszettel halfen irgendwann nicht mehr, da er ja vergessen hatte, dass es diese überhaupt gab. Wenn ich bei meinen Eltern angerufen habe und mein Vater ans Telefon kam, wusste er zwar hineinzusprechen – aber das Telefon weiterzugeben oder einfach aufzulegen ging nicht mehr. Wenn meine Mutter es nicht bemerkt hat, war der Anschluss stundenlang besetzt. Und es gab noch viel, viel mehr, was so typisch war für diese Krankheit.

Im Nachhinein betrachtet habe ich tiefsten Respekt für die Leistung meiner Mutter, die meinen Vater über so viele Jahre in der Demenz begleitet hat. Und ich danke meinem Vater, dass er mir durch seine Erkrankung den Weg zu meiner Berufung aufgezeigt hat.

Ohne ihn wäre ich heute nicht exam. Altenpfleger aus Leidenschaft und würde noch immer in irgendeinem Büro unsinnige Tätigkeiten verrichten. Ohne ihn wüsste ich heute noch nicht, welches Leid und Einschränkungen die Angehörigen von demenziell Erkrankten erfahren. Ohne den Tod meines Vaters wüsste ich nicht, dass ein Ende auch ein Anfang bedeuten kann.

Danke für Alles, Papa.